Das Gerstensaftwunder

Bier gilt schon seit Jahrtausenden als wichtiges Gut und zählte sogar einige Zeit zu einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel mancher Kulturen. Da wundert es kaum, dass im Laufe der Zeit so einige Mythen und Bräuche beim Brauprozess oder dem Genuss von Bier entstanden sind.

Mythen

Besonders in den Anfängen des Bieres, als man wissenschaftlich noch nicht viel darüber wusste, stand Bier für etwas Heiliges, Übernatürliches. Die Sumerer dachten, dass Bier das Geschenk einer Gottheit sei. Die Mesopotamier erzählten sich vor 5000 Jahren den Gilgamesch-Epos. Dieser erzählt die Geschichte vom Urmenschen Enkidu, der sich mit dem gottesähnlichen Herrscher Gilgamesch messen will. Dieser schickt ihm, um seine Stärken und Schwächen erfahren zu können, eine Dame. Enkidu vergnügt sich eine Woche mit ihr und wird der Zivilisation gelehrt:

 (..) nicht wusste Enkidu, was Brot war und wie man es zu Essen pflegt. Auch Bier hat er noch nicht gelernt zu trinken. Da öffnete die Frau Ihren Mund und sprach zu Enkidu: „Iss nun das Brot, o Enkidu, denn das gehört zum Leben, trink auch vom Bier, wie es ist des Landes Brauch. (…)

Daraufhin trank er sieben Becher Bier. In dieser Verfassung wusch er sich mit Wasser und salbte sich mit Öl. So wurde er zum Menschen. Auch bei den Germanen gibt es Sagen und Mythen um Bier, besonders um den Braukessel. Dieser spielt in der Sage von Thor und Tyr eine wichtige Rolle.  Thor und Tyr müssen dem Riesen Hymir einen gewaltigen Braukessel klauen, weil der eigene Braukessel den Göttern vorher abhanden gekommen war. Die beiden töteten alle Riesen und brachten den gestohlenen Kessel am Himmelsgewölbe an, damit Götter und Helden für immer ihren Durst bei den großen Gelagen in Walhalla löschen konnten. Seitdem wusste man, dass, wenn der Himmel bewölkt ist, gerade wieder frisches Bier gebraut wird. Auch galt das Bier bei den Germanen als Götteropfer.

Bräuche und Traditionen

Rund ums Bier haben sich im Laufe der Geschichte viele Bräuche und Traditionen angesammelt. So war beispielweise, bevor die Mönche mit dem Bierbrauen begonnen haben, die Herstellung von Bier meist reine Frauensache. Bei den Mönchen gab es zur Fastenzeit stets dafür eigen gebrautes Starkbier, um ihnen die notwendige Energie zu geben. Die Norweger haben im Mittelalter die Nottaufe mit Bier anstelle von Wasser vollzogen. Was vorerst kurios klingt, hatte einen simplen Grund: bei sehr kalten Temperaturen gefriert Bier nicht so schnell wie Wasser.

Auch in Deutschland haben sich besonders nach der Festlegung des Reinheitsgebotes einige Bräuche aufgetan. Um feststellen zu können, ob das Bier auch wirklich nach diesem Gebot hergestellt wird, gab es eine kuriose Methode: Man goss eine Menge des frisch gebrauten Bieres auf eine Bierbank aus Eichenholz. Danach wurden junge Männer, meist auch die Lehrlinge des Brauers, mit Lederhosen auf die Bank gesetzt. Dort mussten sie bis zu zwei Stunden sitzen, bis die Lederhosen in der Sonne trockneten. Hatte der Braumeister nicht an Malz gespart und sich an das Gebot gehalten, so blieb die Bank nicht auf dem Boden stehen, sondern klebte an den Hosen.

Bräuche und Mythen heutzutage

Heutzutage ist die wohl bekannteste Tradition das jährlich in München stattfindende Oktoberfest, auch Wiesn genannt. Für dieses werden, neben dem berühmten Fassanstich und dem Tragen von traditioneller bayerischer Tracht, von manchen Brauereien sogar  spezielle Biere gebraut, die eine Stammwürze von mindestens 13,5 % aufweisen müssen. Auch kennt man noch heute den Mythos, dass ein perfektes Pils sieben Minuten braucht oder den bekannten Spruch „Bier auf Wein, das lass sein“.

Auch wenn diese Mythen wohlmöglich nicht stimmen, so sind sie doch Überbleibsel von früheren Gepflogenheiten. Die Bräuche beeinflussen unseren Biergenuss und geben ihm Tradition.